Wo über Jahrhunderte unter Tage nach Silber, Zinn und Kobalt gegraben wurde, ist ein eigener Sagenschatz entstanden. Die erzgebirgischen Sagen stammen vor allem aus den Bergbauzentren des 16. und 17. Jahrhunderts und erzählen von der Arbeits- und Lebenswelt der Bergleute. Auf der Runde durch die alten Bergstädte fährst du durch die Landschaft, in der diese Geschichten spielen.
Die bekannteste Gestalt ist der Berggeist. Der Sage nach wird er im Erzgebirge mit einem ungewöhnlich großen Kopf und kräftigem Oberkörper, aber kurzen Beinen vorgestellt. Mal erscheint er als einsamer Herr der Tiefe, mal als alter, kleiner Mann in Bergmannskleidung. Den Überlieferungen zufolge belohnt der Berggeist Fleiß und Ehrlichkeit, während er Habgier und Wortbruch bestraft — eine Moral, die das harte Leben der Bergleute spiegelt, in dem Verlässlichkeit unter Tage über Leben und Tod entscheiden konnte.
Neben dem Berggeist kennen die Sagen die Bergmännchen, gutmütige Geister in Zwergengestalt, die der Überlieferung nach nur wenige Spannen groß sind und je nach Gegend Bergmännlein, Kobolde oder Guttel heißen. Sie sollen den Bergleuten ergiebige Erzgänge gezeigt oder vor einstürzenden Stollen gewarnt haben — wer ihnen mit Respekt begegnete, durfte auf ihren Beistand hoffen.
Eine eigene Sagengruppe rankt sich um die Venetianer, auch Walen genannt. Der Sage nach kamen diese geheimnisvollen Fremden aus dem Süden in das Gebirge, um nach Edelsteinen und seltenen Erzen zu suchen, die sie an Stellen erkannten, die den Einheimischen verborgen blieben. In den Erzählungen verbergen sie ihr Wissen in rätselhaften „Walenbüchern", und mancher Schatz soll bis heute unentdeckt im Berg liegen. Diese Geschichten erklärten den Menschen, warum mancher Fremde Reichtum aus den Bergen zog, wo die Anwohner nur Stein sahen.
Dazu treten Sagen über die Entstehung und den Niedergang einzelner Gruben, über Wassergeister in den überfluteten Schächten und über Tiere, die Verirrte den richtigen Weg führten. Im Erzgebirge nimmst du diese Erzählungen am besten als das, was sie sind: überlieferte Volksdichtung, die das Lebensgefühl einer ganzen Bergbaukultur bewahrt hat. An vielen Besucherbergwerken werden die Sagen heute noch erzählt — ein guter Anlass, die Maschine abzustellen und unter Tage zu steigen.